Häuser, so waren wir es gewohnt, hatten geneigte Dächer. Je nach Lage mal flacher, mal steiler, um je nach örtlicher Witterung beispielsweise dafür zu sorgen, dass lockerer Schnee im Winter als Isolationsschicht auf ihnen liegen bleibt.
Handwerkstradition, Baumaterialien und lokale Klimagegebenheiten haben über Jahrhunderte typische Bauformen herausgebildet. Im Zeitalter der Industrialisierung wurden diese Besonderheiten jedoch weitgehend geschliffen
– doch nun taucht wieder Eigentümliches auf: Gebäude, die sich nach der Sonne strecken und ihre Energie bestmöglich nutzen wollen.
Die Erde dreht sich in 24 Stunden einmal um sich selbst und in 365 Tagen einmal um die Sonne. Da nun die Rotationsachse unseres Heimatplaneten nicht senkrecht zur Umlaufbahn um unser Zentralgestirn steht, gibt es die Jahreszeiten.
Die Neigung der Erdachse ist verantwortlich dafür, dass die Sonne bei uns im Sommer etwa 16 Stunden, im Winter nur noch acht Stunden scheint und dass sie mal mehr und mal weniger steil auf uns herabscheint. Das macht die Nutzung
der Sonnenenergie nicht gerade einfach! Optimal wäre ein „Sonnenkescher“, der dem Sonnenlauf folgt, oder ein Heliotrop, ein Haus, das sich mit der Sonne dreht.
Das Projekt
Architekt Stephan Fabi aus Regensburg hat einen anderen Ansatz verfolgt: Beim „Haus der Zukunft“, das er für das Unternehmen Sonnenkraft geplant hat, sind die Wände des ersten Geschosses und die Dachflächen so ausgeformt, dass sie die Sonnenstrahlen bestmöglich einfangen können. In die entsprechend geneigten
Flächen sind Solarthermie- und Fotovoltaikelemente integriert, die die Sonnenenergie effektiv nutzen. Mit dem Ergebnis, dass das 175 Quadratmeter große Wohnhaus seine Energie für Heizung und Warmwasser selbst erzeugt.
Denn das Ziel zukünftigen Bauens kann es nach den Vorstellungen des Bauherrn nicht sein, nur fossile Energie zu sparen, sondern den Bedarf vollständig aus regenerativen Energiequellen mit dem Gebäude zu decken. Also Nullenergiehäuser
nach dem EU-Standard, der für 2020 verabschiedet ist, zu bauen.
Der Standard
Das europäische Parlament hat im April 2009 die Weichen für die fossile Unabhängigkeit seiner Mitgliedsländer gestellt. Neue Häuser sollen ab 2019 mithilfe erneuerbarer Energien Nullenergiehäuser sein. Das bedeutet, dass sie selbst so viel regenerative Energie erzeugen, wie sie verbrauchen. Die EU-Politiker haben
beschlossen, die geltende EU-Gebäuderichtlinie von 2002 in diesem Sinne nachzubessern.
Schon jetzt soll jedes EU-Mitgliedsland seine nationalen Baustandards auf der Basis der novellierten EU-Richtlinie so definieren, dass mehr solcher Nullenergiegebäude gebaut werden. Derzeit gilt in der Bundesrepublik die verschärfte Energieeinsparverordnung (EnEV 2009). Diese fordert Energieeinsparungen bis
zu 30 % und ab 2012 bis zu 60 % gegenüber der Einsparverordnung von 2007. Außerdem verpflichtet das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz
(EEWärmeG) Bauherren zur teilweisen Deckung des Wärme-Energiebedarfs aus erneuerbaren Energiequellen.
Die Kooperation
Das Solaraktivhaus ist ein gemeinsames Projekt der Sonnenkraft GmbH, des Architekten Stephan Fabi, des Fraunhofer Instituts für solare Energiesysteme (ISE) Freiburg und des Fachbereichs Architektur der Hochschule Regensburg. Die genaue Energiebilanz des Hauses wird Dipl.-Ing. Florian Kagerer vom Fraunhofer Institut in den nächsten Jahren per Monitoring feststellen. Jetzt wo die Familie in das Solaraktivhaus eingezogen ist, misst der Wissenschaftler per Datenfernübertragung
die Energiekennwerte. Damit kann das ISE das energetische Verhalten des Gebäudes in der Realität abbilden und wertvolle Erkenntnisse für weitere Häuser nach dem EU-Baustandard 2020 gewinnen. Sonnenkraft will zeigen, dass der Bau solcher Gebäude schon heute mit marktüblichen Baustoffen und -komponenten
möglich ist.
Die Technik
Die Haustechnik im Solaraktivhaus besteht aus den Komponenten Solarthermie, Fotovoltaik, Wärmepumpe, Erdwärme-tauscher, kontrollierte Wohnraumlüftung und Fußbodenheizung. Es sind 55 Quadratmeter Fotovoltaik- Module zur Stromerzeugung sowie 35 Quadratmeter Solarthermie-Kollektoren zur Wärmeerzeugung montiert und im „Solar Compleet“-Komplettheizungssystem von
Sonnenkraft zusammengeführt. Die durch Solarthermie unterstützte Luft/Wasser-Wärmepumpe mit einer 2,13 Meter hohen Pumpe und einem 1000-Liter-Pfufferspeicher ist das energeti-sche Herzstück des Hauses: Das kleine autarke Wärmekraftwerk im Keller versorgt das gesamte Haus rund um die Uhr mit
Warmwasser, Heizungswärme bzw. Kühlung. Im sparsamen Durchlaufverfahren wird hygienisch einwandfreies Brauchwasser aufbereitet. Die Temperierung der Räume erfolgt über die Fußbodenheizung: Im Winter gibt die „Solar Compleet“-Anlage Wärme an das Heizungsnetz ab und im Sommer im Umkehrbetrieb Kühle. Die Lüftung erfolgt über eine zentrale Anlage mit vorgewärmter bzw. vorgekühlter
Luft. In frischen Sommernächten können die Hausbewohner die Lüftung ausschalten und über die großflächigen Fenster lüften.
Das lebenswerte Haus
Beim „Haus der Zukunft“ steht der Mensch im Mittelpunkt. Die Baukosten sollen tragbar, die eingesetzten Baumaterialien am Markt eingeführt, der Grundriss flexibel, die Gebäudetechnik nicht überdimensioniert und die Fassaden mit ihren großen Fensterflächen zum Außenbereich hin offen sein. Das Gebäude wird barrierefrei erschlossen. Um eine flexible Nutzung zu ermöglichen, sind die leichten Wände reversibel. Falls sich die Nutzungsverhältnisse ändern, kann das Erdgeschoss als separate Wohneinheit abgetrennt werden. Die Räume erschließen sich von einem zentralen durchge-henden Verteilerbereich aus: Eine offene Treppe führt ins Obergeschoss, wo die Räume in einen Kinder- und einen Elternbereich unterteilt sind. Im Obergeschoss wird die polygonal-kristalline Gebäudeform
räumlich erlebbar, die aus den geneigten Wänden und Decken resultiert.
Weitere Informationen
Heliotrop von Rolf Disch: www.rolfdisch.de
fabi architekten: www.fabi-architekten.de
Sonnenkraft: www.sonnenkraft.com
EnEV: Energie und Klimaschutzkonzept
EEWärmeG: Das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz
- 23.03.11 - Artikel empfehlen ...


